„Es ist Freitag. Kurz vor Feierabend. Routinemäßig noch einmal das Postfach gecheckt. Brief drin. Von der Bibliothek. Aufgemacht. Reingeschaut. Schrecken gekriegt. WAS für ein Buch ist seit gestern überfällig? ‘Cohn – Universal Algebra’. Merkwürdig…2 Euro Mahngebühr.
Das Regal überprüft: Nichts. Das Regal zu Hause überprüft: Nichts. Zwei Kommilitoninnen angerufen: Nichts. Im Literaturverzeichnis der Diplomarbeit nach einer Literaturangabe ‘Cohn’ geschaut. Nichts. Überlegt: Nichts. Im Büro der zwei Kommilitoninnen akribisch gesucht: Nichts. Unruhig Schränke und dunkle Ecken durchwühlt: Nichts. Fast panisch letzte verrückte Möglichkeiten ausprobiert: Nichts. Wochenende abgewartet: Nichts….GAR NICHTS.
Es ist Montag. Das Buch ist immer noch nicht da. Am Wochenende alle Möglichkeiten durchgespielt. Wenn, dann hätte ich das Buch für die Diplomarbeit benötigt. Doch das ist zeitlich unmöglich (es wurde erst einen Monat nach Abgabe dieser Diplomarbeit ausgeliehen…). Wenn, dann hätte es schon vom alten Ausweis auf den neuen gebucht werden müssen. Doch das ist unsinnig (wenn man das Buch nicht braucht, leiht man es nicht wieder aus, zumal beim Umbuchen alle Bücher vom alten Ausweis zurückgegeben werden müssen…). Es ist wohl weg.
Also: Gang nach Canossa. Hoffentlich ist am Bibliotheks-Schalter kein garstiger frustrierter Typ. Nein. Eine garstige frustrierte Typin. Ich lege ihr detailliert und brillant meine logischen Schlussfolgerungen dar. Sie ist resistent. Ich sei schuld, ich hätte früher kommen müssen, ich hätte das im Auge haben müssen. Sie sagt, ich könne es hinten suchen, wenn das ominöse Buch da ist, glaubt sie mir. Sonst nicht. Kostet 100 Euro flötet sie mir noch hinterher.
Der Weg durch die Regale, angekommen. QA290…gibt es nicht. Ach doch, sieben Bücher. Aha. Da ist eins…zumindest steht der Name drauf. Nie gesehen. Dieses ganze verfluchte Buch noch nie im Leben in der Hand gehabt. Nach vorne geschleppt. Gezeigt. Sie ist nicht einsichtig. Ich sei schuld. Ich spreche von Vertrauen in das System. Drauf geschissen entgegnet sie in blumigeren Worten. Gut sage ich, mir egal. Die zwei Euro müsste ich trotzdem bezahlen. Außer sie meldet sich nicht mehr diese Woche, das überlegt sie sich nochmal. Gnädig.
Und doch bleibt die Frage: Wie kommt das Buch, dass ich noch niemals in der Hand hatte, aus meinem Regal, aus einer Zeit, die nicht möglich ist, dort in die Bibliothek, dorthin, wo es hingehört….Ich glaube, ich investiere zwei Euro in die Lösung…“